BCM 2017: Schätze von Karmann

10. November 2016

Der elegante Damen-Volkswagen Karmann-Ghia, der „Erdbeerkörbchen“ genannte offene Ur-Golf und natürlich das ewige Käfer-Cabrio. Das ist es, was den meisten zum Namen Karmann einfällt. Der Kenner ergänzt, dass die Karosseriefabrik mit Sitz in Osnabrück auch den skurrilen „Volksporsche“ 914 fertigte, außerdem BMWs herrliche CS-Coupés der 70er-Jahre. Das war’s – glaubt man dem allgemeinen Wissensstand. „Für mehr Erkenntnisse sorgt die Bremen Classic Motorshow von Freitag bis Sonntag, 3. bis 5. Februar, in der Messe Bremen“, verspricht der Projektleiter Frank Ruge.

Aus der Karmann-Autosammlung auf dem Gelände des VW-Werkes in Osnabrück. Opel Commodore 2.5 Cabriolet von 1967. Foto: Messe Bremen/ Ingo Wagner

Aus der Karmann-Autosammlung auf dem Gelände des VW-Werkes in Osnabrück. Opel Commodore 2.5 Cabriolet von 1967. Foto: Messe Bremen/ Ingo Wagner

Nahezu unbekannt ist, dass das 2009 in Konkurs geratene Unternehmen Deutschlands wichtigste markenunabhängige Ideenschmiede für Fahrzeugaufbauten von morgen war. Karmanns Kreativität musste sich selbst vor den großen Feinblech-Couturiers à la Pininfarina oder Bertone nicht verstecken. Vor allem vermied Karmann jahrzehntelang, das Familiensilber der raren und einzigartigen Schöpfungen unters Volk zu streuen. Weshalb die Sammlung des ehemaligen Familienunternehmens, das 2010 größtenteils von Volkswagen übernommen wurde, noch heute erhalten ist – und mit ihren zahlreichen Unikaten zu den spektakulärsten automobilen Schatzkammern weltweit gehört.

Frühes Schmuckstück aus der Karmann-Autosammlung: Ford Eifel von 1939. Foto: Messe Bremen/ Ingo Wagner

Frühes Schmuckstück aus der Karmann-Autosammlung: Ford Eifel von 1939. Foto: Messe Bremen/ Ingo Wagner

Die Bremen Classic Motorshow, traditionell die Eröffnungsveranstaltung jeder neuen Oldtimersaison, wenn mal Maastricht Mitte Januar vergessen wird, gewährt nicht nur einen tiefen Einblick in diese Schatzkammer. Zusätzlich zu den Exponaten der Karmann-Kollektion, die teilweise noch nie öffentlich zu bestaunen waren, präsentiert die Sonderschau weitere seltene Automobile aus der Osnabrücker Manufaktur.

Deren Geschichte reicht 115 Jahre zurück – bis ins Jahr 1901, in dem Wilhelm Karmann einen Kutschen- und Wagenbaubetrieb übernommen hatte. Ein Jahr darauf fertigte er seine erste Motorwagen-Karosserie. Einer der ganz wenigen überlebenden Zeitzeugen dieser Ära ist der Dürkopp 8/18 PS Doppelphaeton von 1910, das älteste Automobil der Sonderausstellung.

Karmann-Studie zum Volkswagen Typ 1 Cabriolet von 1965. Im Hintergrund ist ein Opel Commodore 2.5 Cabriolet von 1967 zu sehen. Foto: Messe Bremen/ Ingo Wagner

Karmann-Studie zum Volkswagen Typ 1 Cabriolet von 1965. Im Hintergrund ist ein Opel Commodore 2.5 Cabriolet von 1967 zu sehen. Foto: Messe Bremen/ Ingo Wagner

Bereits damals gehörten viele Automarken zu Karmanns Klientel, etwa die Adler-Werke in Frankfurt am Main. Spitzenmodell war ab 1936 der stattliche Adler Diplomat, dessen wunderschöne Cabriolet-Version von Karmann karossiert wurde. Ehrensache, dass die Sonderschau mit diesem faszinierenden Luxusfahrzeug aufwartet. Ein paar Klassen bescheidener, aber umso entzückender ist der 1939er Ford Eifel Roadster mit Karmann-Aufbau, der Anfang Februar in Bremen vorfährt.

Die Nachkriegsjahre läutet eine echter Mythos ein: der hochmodern gestaltete Hanomag Partner, mit dem der Nutzfahrzeughersteller 1951 in den Personenwagenbau zurückzukehren plante. Das Vorhaben wurde verworfen, alle 20 bei Karmann gefertigten Prototypen verschrottet … hieß es jahrzehntelang. Tatsächlich entkam ein einziger Vertreter der Schrottpresse – und ist in Bremen als einzigartiges Original erlebbar.

Die Audi Stilstudie Pik As von 1973 entstand ebenfalls bei Karmann in Osnabrück. Foto: Messe Bremen/ Ingo Wagner

Die Audi Stilstudie Pik As von 1973 entstand ebenfalls bei Karmann in Osnabrück. Foto: Messe Bremen/ Ingo Wagner

In der folgenden Epoche prägten Sonderaufbauten für Volkswagen das Portfolio des Osnabrücker Karossiers. Die Serienmodelle sind bestens bekannt. Nicht jedoch die entsprechenden Studien und Prototypen, die im Scheinwerferlicht der Sonderschau stehen werden. Der formale Archetyp des VW Karmann-Ghia von 1953, der im Konzeptstadium verworfene „Coupé-Käfer“ (1962), der „große Karmann“ Typ 34 als 1965er Einzelstück 1600 TL mit Fließheck, die exotische Sportwagen-Stilstudie Typ 1 Cabriolet von 1965. Diese und weitere kaum bekannte Denkmodelle, die Karmann einst für seinen Großkunden kreierte, dürfen an der Weser endlich bewundert werden.

Daneben sorgen ein paar Exponate für Überraschungsmomente ganz anderer Art; wer weiß schon, dass Karmann damals auch für Volkswagens größten Konkurrenten Opel arbeitete? Zeugnisse sind die Cabrio-Prototypen der Opel-Typen Commodore (1967) und Manta (1970) – neben dem ehemals schnellsten deutschen Serienauto, dem extrem seltenen Opel Diplomat Coupé von 1965, der ebenfalls das Prädikat „Made in Osnabrück“ trägt. Der „Pik As“, die 1973 gestaltete Vision eines rassigen Audi-Sportcoupés, bildet schließlich das chronologische Finale des Feuerwerks.

Die Bremen Classic Motorshow findet statt von Freitag bis Sonntag, 3. bis 5. Februar 2017, in allen Hallen der Messe Bremen sowie der mobilen Halle 8. Die Hallen sind von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Die Tageskarte kostet 16 Euro. Mehr Infos: www.classicmotorshow.de.

 

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Eine Reaktion

  1. Frauenberger November 12th, 2016 at 19:34

    Aber hallo, da lacht das Herz aller Karmannfahrer, egal in welcher Kunstharzkarosse Sie gerade sitzen. Nur die Golf-Cabrio-Eigner teilen sich in alte (Karmänner) und neue (VW) während es bei den Oldtimer selbstverständlich nur gleichnamige aus derselben Straße oder doch aus Rheine(NRW), dem zweiten Produktionsstandort, gibt. Aber auch in Brasilien (in Sao Bernado do Campo z.B. mit dem VW SP- 2) und in Vendas Novas, Portugal hatte die Gesellschaft produziert.
    Mich hat immer wieder die die Vielfalt der Marken und die Breite der Produktpalette fasziniert. Das musste durch die Gesellschafter mit der Linie Karmann, Boll und Battenfeld zusammengehalten werden. Die mögliche Schwierigkeit markenübergreifend zu agieren dürfte auch Lars Döhmann kennen, ohne gleich den ADAC zu rufen. Ich habe da nie eine Panne vorgeschoben. Allerdings sind die Fahrzeuge aus der Bischofstadt oder aus Rheine pflegebedürftig und wartungsintensiv und sehr viele wurden mit insgesamt über 3 Millionen dann doch nicht gebaut. Warum aber 19 Hanomag Partner gleich regelrecht verschrottet worden sein sollen bleibt mir unverständlich. Diese Limo hatte vorne drei Sitze und hinten zwei zum klappen. Um so mehr dürfte dies „Mr.Hanoman“ Horst-Dieter Görg bewegen, der die Frage vielleicht klären kann.
    Zum 100. Firmenjubiläum 2001 stimmten jedenfalls noch die „Signs of Time“, aber auf der weiteren Fahrt in die Zukunft („Driving the future“) stiegen die prominenten Auftraggeber Daimler (noch mit Chrysler Crossfire), Audi (A4) oder VW (Beetle I) der Reihe nach aus und die Zeitzeichen zeigten 10 Jahre später auf Liquidation.
    Das Ende mit einem der größten Zivilprozesse der Nachkriegsgeschichte (Streitwert 162 Mio. € zuzüglich Zinsen)war allerdings furios, wenn auch für die Gesellschafter ernüchternd, da sie rund 170 Mio. € Steuernachzahlung an den Insolvenzverwalter zugunsten der Gläubiger abführen mussten. Da wurde dann auch gleich noch außer dem Werksgelände die Fahrzeugsammlung an Volkswagen mit verkauft. Immerhin hatte das Land Niedersachsen (MP Chr. Wulf) als Anteilseigner dahingehend erfolgreich gewirkt.
    Freuen wir uns auf ein bestes Stück deutscher Industriegeschichte mit herrlichen Exponaten auf der Classic Motorshow in Bremen. Apropros Bremen: Totgesagte leben ja länger.

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