Ein Fest für den Triumph des Automobils

26. Oktober 2016

Der London to Brighton Veteran Car Run (LBVCR) findet jedes Jahr am ersten Sonntag im November statt – seit 1927. Zugelassen sind ausschließlich Fahrzeuge, die spätestens im Jahr 1904 gebaut worden sind. Das ermöglicht Teilnehmern wie Zuschauern eine unvergleichliche Zeitreise in die Frühzeit des Automobils. In diesem Jahr ehrt die Veranstaltung insbesondere die Erfindung des Automobils vor 130 Jahren und damit Gottlieb Daimler und Carl Benz, die beide unabhängig voneinander 1886 ihre ersten Fahrzeuge fertig stellten. Im Jubiläumsjahr wird Mercedes-Benz Classic am 6. November 2016 am LBVCR mit einem Benz Spider aus dem Jahr 1902 und einem Mercedes-Simplex 40 PS aus dem Jahr 1903 teilnehmen. Einer der Fahrer: Eddie Jordan, ehemaliger Rennfahrer, Motorsportmanager und Besitzer eines Formel-1-Teams.

Benz Spider, 1902. Bevor dieser Wagen seinen Weg in die Sammlung von Mercedes-Benz Classic fand, musste er schwere Zeiten über sich ergehen lassen. Lange Jahre war er unter einer Kohlenhalde in Irland begraben bis er ans Tageslicht geholt und vollständig restauriert wurde. Foto: Mercedes-Benz.

Benz Spider, 1902. Bevor dieser Wagen seinen Weg in die Sammlung von Mercedes-Benz Classic fand, musste er schwere Zeiten über sich ergehen lassen. Lange Jahre war er unter einer Kohlenhalde in Irland begraben bis er ans Tageslicht geholt und vollständig restauriert wurde. Foto: Mercedes-Benz.

Der 1865 erlassene „Highway Act“ ist ein eigenwilliges Gesetz in Großbritannien: Die Höchstgeschwindigkeit für selbstfahrende Fahrzeuge ist auf Gehgeschwindigkeit 6,4 km/h (4 Meilen pro Stunde) beschränkt – innerorts gar auf 3,2 km/h (2 Meilen pro Stunde), und bis 1878 muss sogar eine vorweggehende Person mit roter Flagge andere Verkehrsteilnehmer warnen. Technischer Fortschritt ist so kaum möglich. 1896 und damit vor genau 120 Jahren entfallen die gravierendsten Restriktionen: Die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt nun 19,2 km/h (12 Meilen pro Stunde), und die rote Flagge wird ebenfalls nicht mehr gefordert. Am 14. November des gleichen Jahres wird die Liberalisierung spontan gefeiert vom „Emancipation Run“, einer Fahrt von der englischen Hauptstadt London bis ins rund 96 Kilometer (60 Meilen) entfernte Seebad Brighton. Gestartet wird unter dem symbolischen Zerreißen einer roten Flagge. 1927 findet die erste offizielle Erinnerungsfahrt an den „Emancipation Run“ statt. Seitdem wird sie jedes Jahr ausgerichtet, mit Ausnahme der Jahre 1940 bis 1947. Das macht den „Run“ zur ältesten bestehenden Automobilveranstaltung der Welt und zugleich zur größten Versammlung von Veteranenfahrzeugen aus der Frühzeit der Automobilgeschichte. Neben vierrädrigen Automobilen mit Verbrennungsmotor starten auch Dreiräder sowie Dampfwagen und Elektroautos. Seit 1930 richtet ihn der Royal Automobile Club (RAC) aus.

Im Jahr 2016 werden am Bonhams London to Brighton Veteran Car Run supported by Hiscox – so der heutige offizielle Name – fast 620 Fahrzeuge aus rund 20 Ländern teil. Er startet am Sonntag, 6. November 2016, um 7:04 Uhr (Sonnenaufgang) und ist ein Element der Motor Week des RAC, ein sieben Tage dauerndes Fest für motorbetriebene Fahrzeuge inklusive Kunstausstallung, Vorträgen und der Verleihung eines Motorbuchpreises. Ein Highlight ist die Regent Street Motor Show am Samstag, 5. November 2016, die bei freiem Eintritt zahlreiche der am nächsten Tag nach Brighton aufbrechenden Veteranen ausstellt – neben modernen Fahrzeugen.

Die Erfindung des Automobils vor 130 Jahren

Die Teilnahme von Mercedes-Benz Classic am LBVCR 2016 erinnert an die Erfindung des Automobils vor 130 Jahren. Im Jahr 1886 erhält Carl Benz in Mannheim das Patent DRP 37435 für seinen Patent-Motorwagen, und fast zeitgleich stellt Gottlieb Daimler in Cannstatt bei Stuttgart seine Motorkutsche fertig. Das ist die Initialzündung für eine Erfolgsgeschichte der Mobilität, die ungebrochen andauert.

Zwei Fahrzeuge aus der unternehmenseigenen Sammlung bringt Mercedes-Benz Classic in London an den Start: Aus dem Jahr 1902 stammt ein Benz Spider. Das sportliche Modell mit Frontmotor markiert bei Benz den Übergang vom klassischen Motorwagen zum modernen Automobil. Das beim diesjährigen „Run“ eingesetzte Fahrzeug wird 1902 nach Irland ausgeliefert und bleibt dort mehr als 30 Jahre in Benutzung. 1969 erwirbt es die damalige Daimler-Benz AG.

Somit ist es zugleich ein passendes Mobil für den aus Irland stammenden Eddie Jordan: Der frühere Rennfahrer, Motorsport-Manager und Besitzer eines Formel-1-Teams wird den Benz Spider von London nach Brighton bewegen. Der Rennstall Jordan Grand Prix bestreitet von 1991 und 2005 250 Formel-1-Rennen. Für ihn starten so berühmte Fahrer wie etwa Michael Schumacher, Ralf Schumacher und Hans-Harald Frentzen, alle mit Biografie-Verknüpfungen zu Mercedes-Benz.

Das zweite Fahrzeug von Mercedes-Benz Classic ist ein Mercedes-Simplex 40 PS. Er löst im März 1902 den legendären Mercedes 35 PS ab, der den endgültigen Abschied vom branchenweit vorherrschenden Kutschenstil markiert und damit als erstes modernes Automobil gilt.

Mercedes-Simplex 40 PS, 1903. Der Typ erscheint im März 1902 und löst den legendären Mercedes 35 PS ab. Der Namenszusatz „Simplex“ verweist dabei auf die aus damaliger Sicht einfache Handhabung des neuen Modells. Foto: Mercedes-Benz.

Mercedes-Simplex 40 PS, 1903. Der Typ erscheint im März 1902 und löst den legendären Mercedes 35 PS ab. Der Namenszusatz „Simplex“ verweist dabei auf die aus damaliger Sicht einfache Handhabung des neuen Modells. Foto: Mercedes-Benz.

Die Fahrzeuge von Mercedes-Benz Classic beim London to Brighton Veteran Car Run 2016:

Mercedes-Simplex 40 PS, 1903

Der Mercedes-Simplex 40 PS löst im März 1902 den legendären Mercedes 35 PS ab. Der Namenszusatz „Simplex“ verweist dabei auf die aus damaliger Sicht einfache Handhabung des neuen Modells. Sein direkter Vorgänger, zugleich das erste Fahrzeug mit dem Markennamen Mercedes, ist bereits bei seinem Erscheinen zur Legende geworden: Er hat im Dezember 1900 erstmals eine eigenständige Form des Automobils definiert und gilt noch heute als Meisterstück technischer Raffinesse und Schönheit.

Charakteristische Merkmale sind die langgestreckte Form, der leichte, tief im Rahmen eingebaute Hochleistungsmotor und der organisch in die Front integrierte Kühler, der als Bienenwabenkühler zum markenprägenden Erkennungszeichen wird. Der Mercedes 35 PS markiert den endgültigen Abschied vom branchenweit vorherrschenden Kutschenstil und gilt damit als erstes modernes Automobil.

Auf dem Automobil-Salon in Paris im Dezember 1902 präsentieren fast alle anderen Automobilhersteller Fahrzeuge, die dem Konzept des ersten Mercedes folgen und ihm auch im Design sehr stark ähneln. In der Fachpresse wird dieser Salon daher als „Salon Mercedes“ bezeichnet.

Gleich bei seiner Einführung ist der neue Mercedes-Simplex im Motorsport erfolgreich. Der Engländer E. T. Stead gewinnt das Bergrennen Nizza–La Turbie vor Georges Lemaitre und Wilhelm Werner, beide ebenfalls auf 40 PS, und kann Werners Vorjahresrekord noch verbessern. Auch beim Meilenrennen sind die 40 PS äußerst erfolgreich und erreichen Geschwindigkeiten von über 100 km/h.

Ausgeliefert im März 1903, ist das weiße Exemplar aus der Sammlung von Mercedes-Benz Classic eins der ältesten noch erhaltenen Fahrzeuge der Marke Mercedes. Es hat in der Vergangenheit bereits mehrmals am London to Brighton Veteran Car Run teilgenommen, zum ersten Mal im November 1985.

Technische Daten Mercedes-Simplex 40 PS

Zylinder: 4/Reihe
Hubraum: 6.785 Kubikzentimeter
Leistung: 29 kW (40 PS) bei 1.100/min
Höchstgeschwindigkeit: 100 km/h

Benz Spider, 1902

Der Benz Spider markiert wie die anderen von 1901 bis 1902 gebauten Automobile aus Mannheim einen Kurswechsel bei Benz: den Übergang vom klassischen Motorwagen zum modernen Automobil. Die bis Anfang 1901 produzierten Benz Automobile folgen dem von Carl Benz entwickelten klassischen Konzept mit Heckmotor und Riemenantrieb. Durch die großen Erfolge des ersten Mercedes vom damaligen Konkurrenten Daimler-Motoren-Gesellschaft, der 1901 das moderne Automobil definiert, wirken die grundsoliden und zuverlässigen Benz Motorwagen mit einem Mal nicht mehr ganz zeitgemäß, und die Verkaufszahlen sind rückläufig.

Die Firma Benz & Cie. beschließt daraufhin die Entwicklung einer völlig neuen Modellreihe, die ab Herbst 1902 unter dem Namen Benz Parsifal eingeführt wird und die in vieler Hinsicht der Grundkonzeption des ersten Mercedes entspricht.

In der Übergangszeit von 1901 bis 1902 baut Benz neben klassischen Modellen wie dem Comfortable und dem Ideal auch die neuen Fahrzeugtypen Elegant, Phaeton und Tonneau mit vorn eingebauten Einzylinder- oder Zweizylindermotor, integriertem Kühler und Zahnradgetriebe. Der Benz Spider ist eine sportliche Variante dieser Modellreihe mit Frontmotor.

Das Fahrzeug aus der Sammlung von Mercedes-Benz Classic wird 1902 nach Irland ausgeliefert und bleibt dort mehr als 30 Jahre in Benutzung. Im Zweiten Weltkrieg wird es unter einer Kohlenhalde versteckt; nach Kriegsende wird es restauriert und nimmt 1960 am London to Brighton Veteran Car Run teil. 1969 wird es von der damaligen Daimler-Benz AG für die Fahrzeugsammlung übernommen und kommt auch in der Folgezeit noch mehrere Male bei der legendären Fahrt von London nach Brighton zum Einsatz.

2014 wird der Benz Spider behutsam restauriert und erhält dabei auch wieder die ursprüngliche dunkelrote Lackierung, die sich an einigen schwer zugänglichen Stellen erhalten hat.

Technische Daten Benz Spider

Zylinder: 2/Boxer
Hubraum: 2.945 Kubikzentimeter
Leistung: 11 kW (15 PS) bei 1.100/min
Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h

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