8. Rallye Hamburg – Berlin: Es geht auch andersrum

6. September 2015

Vor einer Woche ging die Rallye Hamburg – Berlin zuende. Ich hatte Glück: Die Einladung von Seat kam kurzfristig und bescherte mir nicht nur die kostenlose Mitfahrt, sondern auch den Auftrag zur Berichterstattung für den Motor-Informations-Dienst. Ich darf für diese Nachrichtenagentur arbeiten.


Der ICE bringt mich ruckzuck nach Berlin, die S-Bahn in die falsche Richtung zur „anderen“ Kastanienallee und das Taxi dann zur richtigen nahe beim Stadion. Das Team von Seat ist schon da und begrüßt mich freundlich, als ich zum Briefing ins Olympiastadion komme. Allen voran Matthias Becher aus der deutschen Presseabteilung, aber auch Isidro Lopez, Josep Capsada und Dani Piera von Seat Coches Classicos, der Klassikabteilung der spanischen Volkswagentochter.
Das Auto Bild-Team mit Rallyeleiter Peter Göbel gibt Instruktionen zum Ablauf und liefert einen theoretischen Lehrgang. Wir sind in den Katakomben des Olympiastadions. Ich bin zwar kein Rallyeneuling als ehemaliger Organisator der 2000 km durch Deutschland, indes: Selbst gefahren als Pilot oder Co bin ich nicht so oft. Also: aufgepasst. Beim Verlassen der Räumlichkeiten gibt es die ersten Aushänge zu lesen mit Hinweisen für die Abläufe in den folgenden Tagen.


Wir schlendern zu unserem Rallyegerät, einem Seat 1400 B Commerciale. Außen wie innen ist das Fahrzeug taufrisch, kommt gerade aus der Zona Franca in Barcelona, wo es vollkommen instand gesetzt wurde. Seit 2010 beteiligt sich Seat punktuell bei Oldtimer-Veranstaltungen. Ich bin froh, bei einem der wenigen Auftritte in diesem Jahr teilnehmen zu dürfen und lerne, dass Isidro Lopez Leiter der Abteilung Coches Classicos ist. Mit ein paar Brocken aus meinem Spanisch-Wortschatz entlocke ich ihm die Geschichte der Abteilung, die er nach seiner Motorsport-Zeit bei Seat übernommen hat.

Kleiner Service zwischendurch: Die freundliche Mannschaft von Seat Coches Classicos kümmerte sich aufmerksam um das sympathische Fahrzeug mit der Startnummer 59.

Kleiner Service zwischendurch: Die freundliche Mannschaft von Seat Coches Classicos kümmerte sich aufmerksam um das sympathische Fahrzeug mit der Startnummer 59.


„Nach dem Bruch mit Fiat zu Anfang der 1980er-Jahre wollten die Italiener, dass wir alle Fahrzeuge der Sammlung, erste und letzte Typen von Serienmodellen, Rennfahrzeuge sowie Prototypen, zerstören. Die Mitarbeiter in Spanien haben stattdessen die Fahrzeuge trickreich versteckt. Nachdem sich der Sturm gelegt hat, holten wir nach und nach die Wagen wieder heraus. Rund 260 seltene und einzigartige Seat sind nun bei Coches Classicos versammelt. Wir schnüffeln weltweit nach weiteren Raritäten, kaufen sie auf und setzen sie wieder instand. Die Sammlung ist vorläufig aber nicht öffentlich zugänglich, und ob sich das ändert und wann das passiert ist völlig offen“, erklärt Isidro auf Englisch.


Mit dem Seat 1400 fing die Geschichte der spanischen Marke an, die es seit 1950 gibt: die Sociedad Espanola de Automoviles de Turismo S.A. (SEAT). Im Industriepark Barcelonas, der Freihandelszone Zona Franca, wurden dann aus Bauteilen von Fiat die ersten Fahrzeuge zusammengeschraubt. Am 13. November 1953 lief das erste vom Band. Bedient wurde vor allem der heimische Markt. Erst später gab es auch zaghafte Exportbemühungen, etwa in die Benelux-Länder und nach Finnland.


Der 1400 mit 1395 cm³ großem Vierzylinder leistet anfangs 44 PS und schafft etwa 115 km/h Spitze. Die Limousine ist 4,30 Meter lang und wiegt etwa 1200 Kilogramm. Das Update zum 1400 A folgt 1955 und bringt eine Leistungsspritze auf 50 PS, 1957 folgt der äußerlich nahezu gleich aussehende Seat 1400 B mit 58 PS.

Tangermünde als Kulisse für schöne Automobilklassiker: Seat 1400 B Commerciale neben Jaguar C-Type.

Tangermünde als Kulisse für schöne Automobilklassiker: Seat 1400 B Commerciale neben Jaguar C-Type.

Unser Rallyefahrzeug ist ein Baujahr 1959, aber keine Limousine, sondern ein seltener Kombi, bzw. Kastenwagen oder Fúgon mit verblechten hinteren Seitenscheiben: Hinter der vorderen Sitzbank mit Platz für drei Personen gibt es eine weitere Sitzbank, die sich umlegen lässt. So kann das Ladeabteil, das durch eine zweiflügelige Hecktür erreichbar ist, schnell erweitert werden.


Das praktische Vehikel wurde indes nur sehr selten gefertigt. Genau Zahlen hat die Zeit weggespült, es sollen etwa 20 bis 30 gewesen sein. Heute sind noch ganze drei dieser Wagen bekannt. Schon 1960 wird die 1400 B durch den 1400 C abgelöst, erkennbar an einer vom Fiat 1800 abstammenden Karosserie.


Die Farbgebung unseres Rallyewagen überzeugt: strahlendes Türkisblau, ein echter Farbtupfer. Die Sitze sind mit rotem Skai bezogen. Der Fahrer wird mit den wichtigsten Informationen im Cockpit versorgt: Tacho, Öl- und Wassertemperatur, Ladeleistung. Die vier Vorwärtsgänge sind über die Lenkradschaltung einzulegen, der erste Gang ist unsynchronisiert. Es gibt ein kleines Handschuhfach hinter einem türkisblau lackierten Deckel. Für die Rallye ist ein Tripmaster installiert, der uns über die zurückgelegte Wegstrecke genau informiert.

Arbeitsplatz mit Tripmaster: vordere Sitzbank des Seat 1400 B von 1959.

Arbeitsplatz mit Tripmaster: vordere Sitzbank des Seat 1400 B von 1959.


Beim Blick unter die Motorhaube wird die gründliche Restaurierungsarbeit so sichtbar wie beim Rest des Wagens. Isidro zeigt, wie der Wagen gestartet wird, natürlich springt der Motor spontan an. Bei einer ersten Probefahrt steuert mein Fahrer Roland Löwisch, Ex-Redaktionsleiter Auto Bild sportscars und Stern- und Spiegel-Mitarbeiter sowie Buchautor, den Wagen vom Parkplatz zwischen den Olympiasäulen hindurch, wir umrunden in aller Kürze den angrenzenden Platz. Die Gänge lassen sich sauber einlegen, Bremse, Kupplung und weitere Bedienung gelingen problemlos. Die technische Abnahme fand schon nachmittags statt.


So können wir den sehr sommerlichen Abend entspannt mit dem Team genießen, füllen etwas Kühlmittel in unsere Bäuche. Nachts studiere ich noch das Bordbuch und gehe die erste Etappe detailliert durch. Besonders die vermerkten Prüfungen bereits ich vor. Sind das nun 5,5 Minuten oder 5:50? Wer lesen kann ist klar im Vorteil!


Um halb elf am nächsten Tag gibt es das Fahrerbriefing wieder in den Katakomben des Stadions und pünktlich um 12 Uhr mittags startet das erste Fahrzeug. Unser Seat trägt die Startnummer 59, wir sind also bei 30-Sekunden-Abständen gegen 12:30 Uhr an der Reihe. Die Fahrt beginnt mit einer ersten Zeitprüfung von nicht erkennbarer Dauer und Länge. Die WP2 folgt auf dem Fuß und ist nach wenigen Sekunden vorbei. Roland und ich sind noch nicht eingespielt, wir liegen auf 40 Metern keinesfalls bei der Sollzeit von neuen Sekunden. Bei der Durchfahrt unter dem eigentlichen Startbogen bekommen wir Zeit und Dauer der WP 1 mitgeteilt. Ich fange an zu rechnen…Ende der WP am nächsten Tag. Kann das sein? Nach dreimaliger Prüfung steht das fest, muss stimmen.

Gut besuchte Durchfahrtskontrolle in Wolfenbüttel: Davon gab es nicht viele.

Gut besuchte Durchfahrtskontrolle in Wolfenbüttel: Davon gab es nicht viele.


Das Bordbuch funktioniert, ohne Rätsel aufzuwerfen, wir kommen rasch aus der Bundeshauptstadt hinaus und auf reizvollen Nebenstrecken streben wir in Richtung Kaffeepause in Tangermünde. Der Seat brummt willig, im Auto ist es stressfrei dank Lunchpaket, gesicherter Getränkeversorgung und problemloser Navigation. Bei den WPs werden wir gefühlt besser. Die WP 6 mit vier Abschnitten verhauen wir komplett. Aber auch das sorgt nicht für Reibereien im Fahrzeug. Der Tripmaster weicht deutlich von den Angaben im Bordbuch ab. Das versuche ich zu justieren, drehe aber die Regulatorschraube immer weiter in die falsche Richtung. Ab und zu hakelt die Antriebswelle des Tripmasters, nervt mit „klackklackklack“ und braucht einen Schubs. Wenn möglich korrigiere ich die Anzeige.

Irgendwann verabschiedet sich die Welle komplett und der Tripmaster verharrt auf dem bisher erreichten Kilometerstand. Das Bordbuch und der Tageskilometerzähler des Seat sorgen dafür, dass wir auf der Strecke bleiben und sicher den Weg finden – bis ins erste Zwischenziel auf dem Parkplatz der Autostadt in Wolfsburg. Kaum sind wir auf unserem Stellplatz für die Nacht eingewiesen, sind die Seat-Mannen am Auto. Wir haben keine besonderen Vorkommnisse außer der Tripmasterwelle zu melden.


Das schöne sommerliche Wetter hat sich verzogen, es gießt wie aus Kübeln. Bier und Grillwaren schmecken uns, die Nacht im Ritz Carlton ist luxuriös. Morgens blicke ich auf die markante Schlot-Silhouette des VW-Werks und finde mich pünktlich beim Auto ein. Heute geht es durch den Harz und wieder zurück zur Autostadt. Kurz nach dem Start in Reihenfolge der Startnummern endet die WP 1 wie vorausberechnet. Ich hab´s nicht überprüft, ob wir die Durchfahrtsminute tatsächlich getroffen haben, könnte aber sein. Die Streckenführung ist ok, aber die Euphorie anderer Teilnehmer kann ich nicht ganz nachvollziehen. Schließlich finden sich abseits von Autobahnen und Bundesstraßen fast immer reizvolle Nebenstrecken mit wenig Verkehr und vielen Kurven. Da kann auch Peter Göbel praktisch nichts falsch machen.

Finde den Seat unter einigen der über 180 Teilnehmerfahrzeugen: Mittagsrast in Goslar.

Finde den Seat unter einigen der über 180 Teilnehmerfahrzeugen: Mittagsrast in Goslar.


Der Seat läuft perfekt – einschließlich Tripmaster. Den hatten die Mechaniker über Nacht repariert. Ich versuche ihn fortlaufend zu korrigieren, aber er zeigt weiterhin immer mehr zurückgelegte Strecke an, als wir tatsächlich geschafft haben. Bei den WPs haben wir bisweilen das Gefühl, die Zeiten ganz gut getroffen zu haben. Die Mittagsrast in Goslar beim Bergwerk Rammelsberg dauert eine Stunde. Das reicht für ein gutes Mittagessen und eine weitere Durchsicht bei den Teilnehmerfahrzeugen.

Vielfalt mit Ferrari: Das Teilnehmerfeld bot für jeden Geschmack etwas.

Vielfalt mit Ferrari: Das Teilnehmerfeld bot für jeden Geschmack etwas.


Offiziell hat die Autostadt einen ganzen Schwung Fahrzeuge an den Start gebracht. BMW hat nicht nur für das Orgateam (neue) Fahrzeuge bereitgestellt, sondern auch einige Klassiker mit Promis besetzt. Auch Opel nimmt Teil, doch der Commodore hielt nicht durch, er wurde ein Opfer von Flammen. Schock! Aber niemand ist verletzt. Die Lebenshilfe Gießen fuhr auf einem anderen Commodore mit Reinhard Schade und Tina Gorschlüter aufmerksamkeitswirksam aber bis ins Ziel. Skoda und Peugeot schickten schöne Fahrzeuge, Vredestein und Sonax ebenfalls.


Unterwegs gibt es eine WP „Super-Geheim“, die indes keine Rätsel aufwirft, und so kommt die Startnummer 59 ohne größere Probleme auch wieder zur Autostadt zurück für eine zweite Nacht im Ritz. Auf dem Weg dahin hatte das Team Spaß. „Die vor uns biegen links ab“, meint Roland. „Fahr´ geradeaus, so steht´s im Bordbuch“, antworte ich. Gesagt getan und…richtig. Diebische Freude! Wir haben uns im Laufe des Tages in der Gesamtwertung deutlich verbessert.

Problemloser Seat 1400, schnell eingespieltes Team Döhmann/ Löwisch: Zielfoto in Hamburg.

Problemloser Seat 1400, schnell eingespieltes Team Döhmann/ Löwisch: Zielfoto in Hamburg.


Über 180 Fahrzeuge gehen am Samstagmorgen auf die letzte Etappe. Es beginnt mit einer exklusiven Fahrt über das VW-Werksgelände, sehr exklusiv, nicht besonders beeindruckend, aber immerhin eine gute Umgehung des Wolfsburger Stadtverkehrs. So kommen wir schnell in die freie Landschaft. Das Bordbuch erweist sich weiterhin als zuverlässige Ausarbeitung mit nur geringen Fehlern, die WPs werfen keine Rätsel auf. Nach der Mittagsrast im Heidepark Soltau gibt es noch eine letzte WP im Freihafen, wo wir Afrika-Exportautos vom Schlag eines Peugeot 406 umkurven, dann sind wir bald am Ziel bei der Fischauktionshalle in Hamburg. Gut 700 Kilometer in drei Tagen, so viel wie bei einer der zurückliegenden 2000 km durch Deutschland in eineinhalb Tagen.


Dafür gab es etwas mehr Zeitprüfungen und viel, viel weniger Durchfahrtskontrollen. Tangermünde, Wernigerode und Wolfenbüttel waren aber Höhepunkte mit ordentlicher Zuschauerkulisse. Und am Streckenrand standen ebenfalls immer wieder ganze Gruppen. Auch die Wassershow in der Autostadt konnte Spaß machen. Am besten waren jedoch die Reaktionen auf unseren Seat. Die Zuschauer freuten sich zwar an vielen Raritäten, ob originaler Jeep, Mini Rallye Monte Carlo-Replika, BMW M1 und 507, Skoda 130 RS, von Jaguar und Land Rover, oder Peugeot 402 Eclipse, aber wenn unser kleiner Seat Fúgon vorbeikam, ging ihnen das Herz auf. Dann wurde geklatscht und gejubelt und noch mehr gewunken als bei den anderen – so war jedenfalls der Eindruck. Als 63. der Gesamtwertung und 39. in der Klasse waren wir mit dem Ergebnis zufrieden.

Siegerehrung in der alten Fischereiauktionshalle in Hamburg.

Siegerehrung und Galaabend in der alten Fischereiauktionshalle in Hamburg.


Nicht glücklich gewesen wäre ich als Teilnehmer der „Elektronischen Klasse“. So gab es zwar eine Wertung der Sanduhrklasse, in der auch der Seat 1400 unterwegs war, aber keine eigene Wertung für die nicht-mechanischen Zeitnehmer. Und wenn schon der Gesamtsieger in der Sanduhrklasse fährt, warum muss der dann auch die Sanduhrwertung gewinnen? Da hätte die Orga eine Doppelwertung ausschließen können. Es gab Klassensieger nach Baujahren und einen Sonderpreis für das schönste zeitgenössische Outfit.

Rückfahrt nach Barcelona: Der Seat 1400 fährt huckepack im Lkw nach Hause.

Rückfahrt nach Barcelona: Der Seat 1400 fährt huckepack im Lkw nach Hause.


Zu guter Letzt wirkte auch die Lobhudelei von Bernd Wieland, Chefredakteur Auto Bild, der Opel GT des Opel-Chefs Karl-Thomas Neumann sei der schönste Wagen der Rallye gewesen, wie ein zu deutlicher Kniefall vor der Industrie. Ja, Auto Bild, die Veranstaltung mit den vielen Schauspiel-und Sport-Promis ist gut, aber als Normal-Teilnehmer würde ich mich etwas zurückgesetzt fühlen. Das wird bei der nächsten Bodensee-Klassik nicht anders sein. Die läuft übrigens (voraussichtlich) am 5. bis 7. Mai 2016.

Lars Döhmann

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