Schon gelesen: Die Karmann-Story

24. August 2015

Kaum war es erschienen und als Rezensionsexemplar verschickt, da kam das Aus. Die erste Auflage von „Die Karmann-Story“ wurde vom Verlag Delius Klasing zurückgezogen, nicht ohne eine zweite Auflage anzukündigen. Die liegt nun auch schon einige Zeit vor.


Über den Hintergrund durfte eine Weile gerätselt werden, warum „Haute Couture aus Osnabrück“ – so der Untertitel – diesen Ärger machte. Wie auch immer: Das Buch von Bern Wiersch ist eine eindrucksvolle Dokumentation über Aufstieg und Fall der Firma Karmann aus Osnabrück. Mit klassischem Karosseriebau stieg das Unternehmen auf und lieferte hochwertige Arbeit ab. Aus der Wagenfabrik Christian Klages machte Wilhelm Karmann ab 1901 die Wagenfabrik, Fahrradhandlung und Reparaturwerkstätten. Kutschenbau hatte noch lange Priorität, aber schon 1902 bekam Karmann den ersten Auftrag zum Bau einer Automobilkarosserie für Dürkopp.

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„Weitere Aufträge erhielt das Unternehmen von privaten Kunden, die, wie damals durchaus üblich, bei den Herstellern lediglich das Fahrgestell kauften und sich darauf eine Karosserie nach ihren eigenen Vorstellungen bauen ließen“, schreibt Wiersch. „Karmanns Kundschaft kam jetzt aus Berlin, dem Rheinland, Hamburg und Bremen. (…) Das Geschäft entwickelte sich wegen der hohen Qualität und der Eleganz der Karosserien, die Karmann lieferte, äußerst positiv.“


Der Autor geht in seinem jüngsten Werk chronologisch vor und führt durch gute und weniger gute Jahre. So musste das Unternehmen schließlich zwei Weltkriege überstehen. Und natürlich profitierte es vom Aufschwung in Deutschland, den Wirtschaftswunderjahren. Der Erfolg mit Volkswagens Käfer Cabriolet und dem Karmann-Ghia verbindet den Namen Karmann vor allem mit den Wolfsburgern, doch produzierte das Unternehmen für viele Hersteller.


So zählen Hanomag und insbesondere Adler zu den frühen und großen Kunden. Aber auch AMC, DKW, Ford, Chrysler, Mercedes-Benz, BMW, Opel, Kia, Jaguar, Renault, Porsche, Audi und einige mehr erhalten von den Osnabrückern hochwertige und schicke Hüllen. Der Autor kennt die Fakten, obwohl er nicht in das verschlossen Karmann-Archiv einsteigen kann. Nur einer fühlte sich nach Erscheinen der ersten Auflage auf den Schlips getreten: der langjährige Geschäftsführer Reiner Thieme. Er sah in der Darstellung seiner Rolle für die Zeit seiner Geschäftsführung bei Karmann (1990–2002) und darüber hinaus in dem Buch des Automobilhistorikers Bernd Wiersch eine Reihe falscher Tatsachenbehauptungen. Er fühlte sich in seiner Ehre verletzt.

Karmann baute Karosserien für verschiedene Hersteller.

Karmann baute Karosserien für verschiedene Hersteller.


Ein Zusammenhang zwischen Thiemes Arbeit und der sieben Jahre später eingetretenen Insolvenz erscheint tatsächlich etwas weit hergeholt. Im Zuge der Abwicklung fielen wesentliche Teile des Unternehmens an Volkswagen, unter anderem auch die historische Sammlung mit rund 150 Automobilen. Andere Unternehmensteile gingen an Valmet Automotive, Webasto und Magna Steyr.


Trotz der hohen Faktendichte lässt sich das Buch doch sehr gut lesen, geradezu schmökern. Am Beispiel der Firma Karmann gelingt ein guter Einblick in die rasante Entwicklung der Wirtschaft in Deutschland und Europa, durch Tiefen der Kriege und Höhen der Entwicklung. Aufschluss reich ist auch der Anhang mit Fakten und Namen über die Automobilproduktion bei Karmann.


Der Verlag hat das Buch schön ausgestattet und in einem handlichen Format produziert. Das Papier ist hochwertig, der Druck sauber, die Bebilderung ansprechend mit einem guten Mix aus historischem und aktuellem Bildmaterial.

Blick in die Sammlung Karmann, heute nicht mehr zugänglich.

Blick in die Sammlung Karmann, heute nicht mehr zugänglich.

Bernd Wiersch, Jahrgang 1942, studierte an der Universität Göttingen Geschichte, Geografie, Anglistik und Publizistik. 1974 promovierte er zum Dr. phil. an der Universität Hannover. Ab 1969 war er als Archivar für die Pflege der Firmenhistorie der Volkswagen AG zuständig und erlebte aus erster Hand die Entwicklung des Unternehmens und seiner Fahrzeuge. Eines seiner besonderen Anliegen war der Aufbau eines historischen Fahrzeugbestands als Dokumentation für die Innovationsfähigkeit des Unternehmens in der Vergangenheit. 1985 wurde aus dieser Fahrzeugsammlung das AutoMuseum in Wolfsburg, dessen Leiter Bernd Wiersch seit diesem Zeitpunkt war. Seit am 1. Januar 1992 das Museum in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt wurde, war er bis zu seinem Ausscheiden am 31. Dezember 2003 deren Vorstand. Bernd Wiersch veröffentlichte seitdem eine Reihe von automobilhistorischen Büchern mit Schwerpunkt Volkswagen-Geschichte – beim Delius Klasing Verlag u.a. Die Käfer-Chronik, Der VW Bulli und die Volkswagen Typenkunde in drei Bänden – und verfasste diverse Artikel in Fachzeitschriften zum gleichen Thema.


2., überarbeitete Auflage 2015, 208 Seiten, 80 Farbfotos, 39 S/W Fotos, 7 farbige Abbildungen, 7 S/W Abbildungen, Format 22 x 24,6 cm, gebunden mit Schutzumschlag, Delius Klasing, 29,90 Euro, ISBN 978-3-667-10330-7

2 Reaktionen

  1. Frauenberger August 24th, 2015 at 20:15

    Leider ist Karmann nun abgeschlossenes Sammelgebiet (wie z.B. die Münzen der DDR) ohne Chance auf einen wiederauferstehenden neuen Ghia. Aber man soll nie nie sagen wie die Ankündigung Borgwards zeigt. Indes wird der Prozess mit dem höchsten Steuerstreitwert der Nachkriegsgeschichte, den der Insolvenzverwalter (Herrmann) gegen die Karmann Besitzgesellschaft gewann, es den früheren GmbH-Gesellschaftern Karmann, Boll und Battenfeld sehr schwer machen, ein neues Automobil auf den Markt zu bringen. Das lässt für die verbliebenen Exemplare (hier einer von 844 – 1 verunfallten = 843 BMW 2.5 CS nur Gutes erwarten, vgl. L.Döhmann Oldtimer-Katalog S. 42 Heel Königswinter 1997.
    Ihr Männer aus Hannover,
    Ihr Männer aus Berlin,
    der Kuddel auf St.Pauli,
    der Karmann ist nun hin.

    Aber so ganz vorbei ist es zumindest in Osnabrück an der selbigen Straße nun doch wieder nicht, denn auf Drängen von MP Chr. Wulf (seinerzeitiger Vertreter des Landes Niedersachsen im VW-Aufsichtsrat) laufen dort neue Golf Cabrios vom Band, das für praktisch alle Modelle, auch für Porsche bereit steht. Der Erwerb war für VW eher ein Schnäppchen, samt abgesondertem Museum.

    Warum war der KARMANN-Ghia eigentlich besonders in der Damenwelt so beliebt ?

  2. Frauenberger August 28th, 2015 at 10:10

    Und jetzt wird der Fehlerteufel zumindest bei zwei Namen korrigiert:
    Der federführende Insolvenzverwalter schreibt sich Hermann und war über mehrere andere Kanzleien und Rechtsanwälte an den Vertragsverhandlungen mit der Metallgruppe (auch in Chorzow, Polen) und der Volkswagen AG und der Volkswagen GmbH Osnabrück Vertragsschließender.
    Der frühere niedersächsische Ministerpräsident (und spätere
    Bundespräsident) schreibt sich richtig selbstverständlich mit ff, also Wulff. Sonst könnte er eventuell mit dem Redakteur des Norddeutschen Rundfunks Wulf verwechselt werden.

    Interessant ist aus der Karmann-Produktion für den einen oder die andere möglicherweise der aus besseren Zeiten in Rheine vom Band gelaufene Ford Merkur XR4Ti, der in die USA exportiert wurde und hier viel besser als Sierra bekannt ist. Die Amerikaner haben wohl auch heute noch große Schwierigkeiten das Wort, das auch als Name für einen Planeten bekannt ist, auszusprechen, da es bei Stars und Stripes nicht vorkommt. Entsprechend blieben die Verkaufszahlen unter den Erwartungen.

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