Innovativ aus Tradition: 75 Jahre Insassen- und Partnerschutz bei Mercedes-Benz

4. Dezember 2014

„Eigentlich alles” antwortet der junge Ingenieur Béla Barényi unerschrocken auf die Frage im Bewerbungsgespräch, was er denn an den aktuellen Mercedes-Benz Fahrzeugen verbessern würde. Wilhelm Haspel, zu dieser Zeit stellvertretendes Mitglied des Vorstands der Daimler-Benz AG, lässt sich vom Querdenker überzeugen und stellt den 32 Jahre alten Österreicher auf Empfehlung des damaligen Versuchsleiters der Entwicklung Karosserie, Karl Wilfert, ein. Am 1. August 1939 übernimmt Barényi die neu gegründete Abteilung für Sicherheitsentwicklung.

Heckflosse gegen Barriere: Die Fahrgastzelle musste intakt bleibe. Foto: Mercedes

Heckflosse gegen Barriere: Die Fahrgastzelle musste intakt bleibe. Foto: Mercedes


Vor 75 Jahren begann mit diesem Eintritt von Béla Barényi in die damalige Daimler-Benz AG ein wichtiges Kapitel der Geschichte der Fahrzeugsicherheit. Mercedes-Benz hat seitdem die Sicherheitsentwicklung nachhaltig geprägt. Viele Innovationen des Unternehmens besonders auf dem Gebiet des Insassen- und Partnerschutzes haben unzählige Menschenleben gerettet.
Zum Jubiläum hat Mercedes-Benz ehemalige und aktuelle Sicherheits-entwickler aus verschiedenen Epochen der Fahrzeugsicherheit in die Böblinger Legendenhalle eingeladen. Zum spannenden Rückblick auf die ersten 75 Jahre Insassen- und Partnerschutz trafen sich unter anderem Prof. Werner Breitschwerdt, Prof. Ernst Fiala, Prof. Guntram Huber, Dr. Falk Zeidler, Hansjürgen Scholz, Dr. Luigi Brambilla sowie Karl-Heinz Baumann. Einige von ihnen haben Barényi noch persönlich kennengelernt.


„Jede Innovation braucht Ingenieure, die kreativ sind und sich wie Béla Barényi trauen, Bestehendes in Frage zu stellen und neue Wege zu gehen“, betont Prof. Dr. Thomas Weber, Mitglied des Vorstandes der Daimler AG und verantwortlich für Konzernforschung und Mercedes-Benz Cars Entwicklung.

Bela Bareny begann 1939 mit der Forschung für Pkw-Sicherheit bei Mercedes-Benz. Foto: Mercedes

Bela Barenyi begann 1939 mit der Forschung für Pkw-Sicherheit bei Mercedes-Benz. Foto: Mercedes


„Unser erklärtes Ziel bei Mercedes-Benz ist es, unsere Trendsetter-Funktion auf dem Gebiet der Fahrzeugsicherheit zu erhalten und auszubauen und damit die Verkehrssicherheit weiterhin zu fördern“, so Prof. Rodolfo Schöneburg, Leiter Fahrzeugsicherheit bei Mercedes-Benz Cars. „Und die Ideen dafür gehen uns lange noch nicht aus. So beschäftigen wir uns beispielsweise derzeit intensiv damit, die Oberkörperbelastung der Insassen beim Seitencrash zu reduzieren.“


Béla Barényi: Der Vater der Sicherheit
Der geniale Ingenieur Barényi (1907-1997) arbeitete von 1939 bis 1974 bei Daimler. Er war der Urheber von über 2.500 angemeldeten Patenten, viele davon zu Grundlagen der automobilen Sicherheit. Unter anderem erfand er die Sicherheitszelle, die von Knautschzonen geschützt wird.

Frontalaufprallversuch mit Heckflosse - die Grundlagen der Forschung begannen lange vor dem Bau der Heckflossen-Limousinen. Foto: Mercedes

Frontalaufprallversuch mit Heckflosse – die Grundlagen der Forschung begannen lange vor dem Bau der Heckflossen-Limousinen. Foto: Mercedes


Wegweisende Ideen hatte Béla Barényi schon früh: Schon während des Studiums in den 1920er Jahren arbeitet er am Konzept eines modernen Automobils mit Zentralrohrrahmen und luftgekühltem Boxermotor. Ab 1939 widmet sich der Ingenieur bei Mercedes-Benz der Verbesserung von Personenwagen-Karosserien. Daraus entsteht 1941 das Patent auf einen verbesserten Plattformrahmen, der durch besondere Verwindungssteifheit „Dröhn- und Schüttelerscheinungen“ minimiert.


Aus seinen Studien von Automobilen in Zellenbauweise entwickelt Barényi das Konzept der gestaltfesten Passagierzelle mit Knautschzonen. Das 1951 angemeldete Patent setzt Mercedes-Benz erstmals in der Baureihe W 111 („Heckflosse“) des Jahres 1959 um. Die Knautschzonen verformen sich bei einem Unfall und bauen kontrolliert die kinetische Energie aus der Kollision ab. Die Insassen des Wagens werden gleichzeitig von der stabilen Fahrgastzelle geschützt. Seither hat sich dieser Aufbau von Personenwagen weltweit durchgesetzt.

Der W116 muss sich beim Seitenaufprall bewähren. Foto: Mercedes

Der W116 muss sich beim Seitenaufprall bewähren. Foto: Mercedes


Auch Barényis „Sicherheitslenkwelle für Kraftfahrzeuge“ setzt sich durch. 1963 wird diese Technik patentiert, als vollständiges System hat diese Sicherheitslenkung 1976 im E-Klasse-Vorgänger W 123 Premiere. Die Idee des versenkten Scheibenwischers zum Schutz von Fußgängern braucht 28 Jahre, bis sie 1979 in der S-Klasse der Baureihe W 126 debütiert.


„Seiner Zeit stets weit voraus“: Zeitzeugen erinnern sich an Barényi
Professor Werner Breitschwerdt kam 1953 als Ingenieur zur Daimler-Benz AG, wurde 1977 Vorstand für Entwicklung und Forschung und 1983 Vorstandsvorsitzender. Von 1988 bis 1993 gehörte Professor Breitschwerdt dem Aufsichtsrat an: „Ich kam im Jahre 1953 als Ingenieur zur Daimler-Benz AG – also zu einer Zeit, als Béla Barényi bereits einen wichtigen Höhepunkt seiner beruflichen Karriere feiern konnte: die Patentierung des Knautschzonen-Prinzips. Ich habe Barényi als einen Menschen kennengelernt, der sich vor allem durch Beharrlichkeit auszeichnete. Er hatte viele Ideen und hat sich mit großem Engagement dafür eingesetzt, dass diese Ideen auch realisiert werden. Er hatte aber auch das große Glück, bei Daimler-Benz frei arbeiten zu können. Man ließ ihm sehr viele Freiheiten – und das war richtig und notwendig, um das wichtige Thema Sicherheit in der damaligen Zeit überhaupt vorantreiben zu können. Man muss bedenken: Es war die Nachkriegszeit, als Béla Barényi seine Erfindungen machte. Da waren in Deutschland ganz andere Themen aktuell als die Automobilsicherheit – die Motorisierung stand am Anfang, man fuhr Kabinenroller oder Kleinstwagen. Und trotzdem hat man bei Daimler-Benz bereits daran gearbeitet, die künftigen Modelle sicherer zu machen. Barényi war seiner Zeit stets weit voraus.“

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