PS-Speicher in Einbeck: ein Ausstellungserlebnis

21. Juli 2014

„Eine neues Motorrad-Mekka ist entstanden“, begeisterte sich einer der Premierengäste bei der Eröffnungsfeier. Das ist nur teilweise richtig, denn neben Motorrädern zeigt der PS-Speicher auch etliche Automobile. Aber nicht nur das: Dank des gelungenen Ausstellungskonzepts werden die rund 300 Fahrzeuge besonders anschaulich im historischen Zusammenhang der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse präsentiert. Dabei ist längst nicht alles der Ausstellung gestrig, denn gezeigt werden auch Gegenwart und Ausblicke auf die Zukunft mit Elektromobilität oder Wasserstoffantrieb.

Tiefe Einblicke in die Entwicklung der Motorisierung sind ab sofort in Einbeck zu gewinnen: Das Ausstellungserlebnis beginnt bereits im Foyer mit interessanten Schnittmodellen.

Tiefe Einblicke in die Entwicklung der Motorisierung sind ab sofort in Einbeck zu gewinnen: Das Ausstellungserlebnis beginnt bereits im Foyer mit interessanten Schnittmodellen.


Wichtigster Bestandteil der Ausstellung sind die Fahrzeuge einer der größten privaten Fahrzeugsammlungen Deutschlands. Die hat der Unternehmer und Sammler Karl-Heinz Rehkopf in eine Stiftung eingebracht: „Angefangen hat es damit, dass ich als Schüler mit Motorhilfe mobil sein wollte. Aus einem Fahrzeug wurden zwei, dann drei, dann vier. Im Laufe von etwa 50 Jahren habe ich dann rund 1 000 Motorräder gesammelt und war froh, dass keiner wusste, was ich alles hatte.“ Im Jahr 2012 kam dann noch die bekannte Kleinwagensammlung Störy aus dem gleichnamigen niedersächsischen Dorf dazu. Diese interessante Sammlung der Familie Künnecke, der lange die Zerschlagung drohte, ist damit gesichert und wird der Öffentlichkeit künftig wieder zugänglich sein.
Bereits bisher wurden in den von der Kulturstiftung Kornhaus getragenen PS-Speicher über 25 Millionen Euro in Bau und Ausstellung investiert. Dabei sind 40 Arbeitsplätze entstanden, ein ganzer Stadtteil wurde aufgewertet, und ein geplantes Hotel sorgt ab 2015 für 25 weitere Jobs. „Wir erwarten etwa 55 000 bis 60 000 Besucher pro Jahr“, erläutert Mathias Schilling, Vorstand in der Kulturstiftung und zuständig für die Projekt-Umsetzung. „Damit spielen wir eine bedeutende Rolle für den Tourismus in der Stadt und der Region.“

Die 50er-Jahre standen auch im Zeichen der Freizeitgesellschaft.

Die 50er-Jahre standen auch im Zeichen der Freizeitgesellschaft.


Einbeck hat ab sofort mehr zu bieten als schönes Fachwerk und Bockbier: Im PS-Speicher kann schon der Eingangsbereich begeistern. Ob Schnittmodelle von Vorkriegs- und Nachkriegs-PKW oder vier Motorräder in unterschiedlichen Erhaltungszuständen – vom Scheunenfund über das patinierte und das restaurierte Fahrzeug bis hin zum neuwertigen Originalzustand – die Lust wird sofort geweckt. Vom Foyer geht es dann per Aufzug unters Dach, wo den Besucher die Anfänge der Motorisierung erwarten.

Verkehr in der Unterführung: Horch und Motorräder vor szenischem Hintergrund.

Verkehr in der Unterführung: Horch und Motorräder vor szenischem Hintergrund.

Objekte aus der Zeit zwischen 1812 und 1914 zeigen, wie der Motor auf die Straße kommt. Darunter ist das Daimler-Reitrad und der Motorrad-Meilenstein Hildebrand & Wolfmüller, aber auch ein Benz Victoria von 1895 im fahrbereiten, unrestaurierten Originalzustand. Im Saal zwei, eine Ebene tiefer, geht es um die dynamische Entwicklung der Jahre 1914 bis 1929, als das Motorrad für Jedermann in Gang kam. Die legendäre Weiße Mars, das britische Neracar oder auch die DKW Lomos gehören zu den gezeigten Raritäten. Im Saal drei wird die Demokratisierung der Fahrzeuge in den Jahren 1930 bis 1945 vorgestellt. Zweiräder mit 98 cm³ und technische Errungenschaften wie der Pressstahlrahmen oder Entwicklungen zum ersten Volkswagen, aber auch eine dramatische Szenerie nach einem Bombenangriff dokumentieren das Geschehen.

Meilenstein mit luftgefüllten Reifen als brauchbares Motor-Rad: Hildebrand & Wolfmüller.

Meilenstein mit luftgefüllten Reifen als brauchbares Motor-Rad: Hildebrand & Wolfmüller.


In Saal vier wird den Jahren 1945 bis 1955 sowie dem Wiederaufbau und der entsprechenden Motorisierung Rechnung getragen. Mobile von Kleinschnittger, der BMW Isetta, oder das Fuldamobil bis hin zur italienischen Legende Vespa, stehen im Blickpunkt. Saal fünf vergleicht die Motorisierung in Ost und West während der Jahre 1950 bis 1961, wobei die Ausstellungsmacher unter der Führung von Matthias Kaluzza hier das Thema Export inszenierten: Die Motorräder sind in Transportkisten ausgestellt. Dabei auch die skurrile Zündapp für den US-Markt, die technisch eine dort unbekannte Horex ist.

Fuldamobil, Kleinschnittger und BMW Isetta.

Fuldamobil, Kleinschnittger und BMW Isetta.


Das Geschehen der Freizeitgesellschaft in den Jahren 1961 bis 1970 setzt den Ost-West-Vergleich in Saal sechs fort. In Saal sieben wird der Besucher in die Neuzeit geführt: In den Jahren von 1970 bis 2010 steht die Honda CB 750 als Synonym für die Trendwende im Motorradmarkt, aber auch deutsche Ikonen wie die Münch Mammut oder die Van Veen mit Wankelmotor sind beachtenswerte Pretiosen. Saal acht schließlich wagt den Blick in die anbrechende Zukunft, mit aerodynamisch ausgefeilten Konzepten, Elektromotorrädern und vernetzter Mobilität.

Unschöne Vergangenheit, museal schön inszeniert: In Einbeck gibt es ein Ausstellungserlebnis im PS-Speicher zu sehen.

Unschöne Vergangenheit, museal schön inszeniert: In Einbeck gibt es ein Ausstellungserlebnis im PS-Speicher zu sehen.


Vollends zur familientauglichen Ausstellung wird der PS Speicher durch ergänzende Angebote wie den Fahrsimulator und den Shop, doch ausgereizt ist das Thema damit noch längst nicht. Möglich ist die Reaktivierung einer alten Bahnlinie mit einer Station am PS-Speicher, der Siloturm wird stimmungsvolle Trauungen ermöglichen und auf dem Dach kann eine Kinderverkehrs-Erziehungsanlage installiert werden. Als weltweit größte Sammlung deutscher Motorradmarken ist das Einbecker Motorradmuseum aber bereits heute einen Abstecher von der nahen Autobahn A7 wert.

Der PS-Speicher in D-37574 Einbeck liegt am Tiedexer Tor 3 und eröffnete für das Publikum am 23. Juli 2014. Er ist geöffnet von Mittwoch bis Sonntag zwischen 10 Uhr und 18 Uhr, montags ist Ruhetag. Der Dienstag ist Veranstaltungstag für angemeldete Gruppen, etwa Schulklassen. Der Eintritt kostet 12,50 Euro, ermäßigt 7,50 Euro. Die Familienkarte kommt auf 30 Euro, Gruppenpreise ab 20 Personen belaufen sich auf 10,50 Euro pro Person. Weitere Informationen gibt es unter www.ps-speicher.de.

 

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2 Reaktionen

  1. eckhard haß Dezember 26th, 2015 at 10:39

    wunderbar, endlich mal ein guter beitrag zum thema automobil.

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  2. Lars Doehmann Dezember 28th, 2015 at 16:28

    Neben Nachrichten über Oldtimer gibt es hier immer wieder wunderbare Artikel zum Thema Automobil (und Motorrad).

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