Kommentar: Badische und Unsympathische

20. Dezember 2013

Harte Zeiten für die Anbieter von Ersatzteilen und Zubehör von Volkswagen-Klassikern: Der Multimilliarden-Konzern aus Wolfsburg verschickt eine Menge Abmahnungen, einstweilige Verfügungen, Klageandrohungen und Unterlassungserklärungen. Dabei sind die Streitwerte wie Spiegel-online am 18. Dezember 2013 berichtet, regelmäßig auf 250 000 Euro angesetzt. Wegen des großen Werts der hier angeblich oder tatsächlich verletzten Markenrechte. Die Folge, falls sich einer dagegen wehren möchte: satte Anwalts- und Gerichtskosten sowie im Zweifelsfall ein zerstörtes Geschäftsmodell.

Betroffene wurden von dem Vorgang eiskalt erwischt. Nach jahre- oder gar jahrzehntelanger Duldung erhielten sie jetzt ohne vorherige Möglichkeit zur Korrektur ihres Verhaltens das Schreiben. Der in Sachen Markenschutz als aggressiv beschriebene Konzern ging schon gegen den Axel-Springer-Konzern und einen Autovermieter vor. Nun sind alle Hersteller von Teilen dran, die der Hersteller markenrechtlich schützen ließ. Das trifft möglicherweise auch Anbieter von Fan-T-Shirts, Kaffeetassen oder Drucksachen.

Ein rigoroses Vorgehen gegen Markenrechtsverletzung ist in der Automobilbranche nicht ohne Beispiel. Auch Ferrari versucht seine Markenrechte, beispielsweise an dem cavallino rampante, dem springenden Pferd, mit Nachdruck zu schützen. Mercedes ließ unter anderem vor nicht zu langer Frist einen Kunststoff-Nachbau des Flügeltürer-SL zerstören.

Nun trifft es bei VW nicht nur Profiteure, sondern auch Leute, die mit viel Liebe und Engagement den Kultstatus von Käfer und Bulli oder auch einzelnen Nachfolgemodellen über Jahre gepflegt haben. Und zwar in Zeiten, als VW vor allem mit sich selbst und den Folgen einer über lange Zeit völlig verfehlten Modellpolitik beschäftigt war.

Der Volkswagen Käfer ist in Deutschland der verbreitetste Oldtimer mit H-Kennzeichen. Ersatzteilhändler erhielten jetzt Abmahnungen, Unterlassungserklräungen Klageandrohungen und einstweilige Verfügungen.

Der Volkswagen Käfer ist in Deutschland der verbreitetste Oldtimer mit H-Kennzeichen. VW-Ersatzteil- und Zubehörhändler erhielten jetzt Abmahnungen, Unterlassungserklärungen, Klageandrohungen und einstweilige Verfügungen, weil sie die Markenrechte verletzten.

Längst ist der Oldtimermarkt auch für Volkswagen eine gewinnträchtige Nische und das Unternehmen hat ein eigenes Classic-Teile-Zentrum. Wettbewerbsverdrängungsabsichten werden von dort abgetan, doch dürfte das Abschütteln einiger Händler ein willkommener Nebeneffekt sein.  Ganz neu ist das Vorgehen indes nicht: Einen großen, alteingesessenen Händler quälte der Konzern per einstweiliger Verfügung, weil der ein „Volkswarenhaus“ betrieb. Begründung: „Volks“ ist von Volkswagen geschützt. Volksverdummung, Volksverarschung, Volksschädling, Volksschule…ist vielleicht auch für das Unternehmen geschützt!?

VW-Leute zitiert spon mit Hinweisen auf Qualitätsansprüche. Da hätten sie mal lieber beim Einkauf der Steuerketten für aktuelle Modelle aufgepasst oder andere Qualitätsmängel an massenhaft verkauften Modellen nicht aufkommen lassen! Denn Insider des Oldie-Teilehandels beklagen, dass VW selbst teilweise mindere Fernost-Qualität in Classic Parts-Tüten verpackt.

Rechtlich ist der Vorgang nicht zu beanstanden, auch ein Gewohnheitsrecht ließe sich nach Meinung von Anwälten nicht ableiten. Unfreundlich bleibt das rabiate Vorgehen allemal. Einem Konzern, der sich anschickt weltgrößter Automobilhersteller zu werden,  hätte ein souveränes Vorgehen, ein gefühlvolleres Eingreifen gegenüber langjährig engagierten Enthusiasten nicht schlecht zu Gesicht gestanden. Wobei bis heute keine Entschädigung für das Gewerkschaftsvermögen und die KdF-Anzahlungen der Sparer erfolgte, durch die der Aufbau von Wolfsburg und die Entwicklung des Käfers erst möglich wurden. Lange ist´s her.

Nun gut: Wir müssen uns damit abfinden, dass Oldtimer eben nicht mehr nur Liebhaberei sind. Handfeste kommerzielle Interessen stehen auch im Bereich der Klassiker für Volkswagen klar im Vordergrund. Das ist verständlich und nachvollziehbar, aber es gibt eben badische und unsympathische…

Lars Döhmann

Zu dem o.g. Vorgang gibt es eine Stellungnahme von Volkswagen Classic-Parts am 19.12.2013. Hier  der Wortlaut:

Volkswagen Classic Parts, eine Tochter der Volkswagen AG, baut ihr Angebot an Ersatzteilen für historische Fahrzeuge der Marke kontinuierlich aus. An unterschiedlichen Stellen kooperiert die Gesellschaft mit ausgewählten Partnern, um eine bestmögliche Ersatzteile-Versorgung der Volkswagen-Enthusiasten und -Fans zu gewährleisten – und das über alle Modellreihen der Marke hinweg. Dies unterscheidet Volkswagen Classic Parts auch von vielen anderen Anbietern, die sich nur auf ein bestimmtes Modell oder eine Modellreihe konzentrieren. Ziel ist es, durch das Ersatzteilsortiment und den Service der Partnerbetriebe eine bestmögliche Betreuung über den gesamten Fahrzeuglebenszyklus sicherzustellen.

Natürlich hat Volkswagen Classic Parts als Vertreter des Herstellers eine besondere Verantwortung. Dass aber auch viele freie Teilehändler mit Waren aus diesem Sortiment versorgt werden, ist ein Beleg für die faire Zusammenarbeit, auf die wir ausdrücklich Wert legen. Volkswagen Classic Parts wirkt seit fast zwei Jahrzehnten aktiv daran mit, auch über 15 Jahre nach Produktionsende einer Modellreihe Ersatzteile vorzuhalten und bei Bedarf sogar nach Originalspezifikation neu fertigen zu lassen.

Als Vertreter des Herstellers stellt Volkswagen Classic Parts selbstverständlich besonders hohe Qualitätsansprüche an ihre Ersatzteile. Daher besteht der überwiegende Teil des Sortiments aus Classic Parts bzw. nachfrageorientierten Nachfertigungen – d.h. Teilen, die im Auftrag von Volkswagen Classic Parts nach der technischen Spezifikation des Original Teils gefertigt worden sind. Nur in Fällen, in denen kein Classic Part mehr verfügbar und eine Neufertigung exklusiv für Volkswagen Classic Parts nicht realisierbar ist, wird das Sortiment mit sogenannten Classic+ Teilen (Handelsware) ergänzt. Dabei wird stets auf die beste am Markt verfügbare Qualität zurückgegriffen und im Sinne der Versorgung der Kunden in Einzelfällen auch geringfügige Abweichungen in Kauf genommen. Zudem unterliegen die Classic+ Teile natürlich einer ständigen Qualitätskontrolle.

Zur Wahrung der eigenen Interessen und dem Schutz ihrer Kunden muss die Volkswagen AG auf Marken- und Schutzrechtsverletzungen seitens kommerzieller Anbieter eingehen. Damit sich Volkswagen-Kunden auch weiterhin darauf verlassen können, Ersatzteile mit Markenzeichen in gewohnter Qualität zu erhalten.

 

 

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