125 Jahre: Bertha Benz auf erster Automobil-Fernfahrt

6. Juli 2013

Die Reise führt von Mannheim nach Pforzheim, der Geburtsstadt von Bertha Benz. Es ist eine 106 Kilometer lange Fahrt voller Unwägbarkeiten und Herausforderungen, die von den drei Automobilpionieren großen Mut verlangt. Doch das Wagnis lohnt sich, denn der Patent-Motorwagen beweist voll und ganz seine Eignung als flexibles Verkehrsmittel auch für lange Strecken.

 

Das Mercedes-Benz Museum erinnert in diesem Jahr mit den Bertha-Benz-Tagen vom 2. bis 4. August 2013 an das Jubiläum zum 125. Geburtstag der abenteuerlichen Fahrt. Drei Tage lang steht die Automobilpionierin bei Kostümführungen für Kinder und Erwachsene ganz im Mittelpunkt. Am Sonntag, 4. August 2013, ist der Eintritt in das Museum frei. Mitfahrten mit dem Benz Patent-Motorwagen und eine Erzählstunde mit Jutta Benz, der Urenkelin von Bertha Benz, runden das Programm ab. Mehr zu den Bertha-Benz-Tagen unter www.mercedes-benz-classic.com/bertha-benz-tage.

So ungefähr muss es vor 125 Jahren ausgesehen haben, als Bertha Benz mit ihren Söhnen zur ersten automobilen Fernfahrt aufbrach. Foto: Mercedes-Benz Classic

So ungefähr muss es vor 125 Jahren ausgesehen haben, als Bertha Benz mit ihren Söhnen zur ersten automobilen Fernfahrt aufbrach. Foto: Mercedes-Benz Classic


Vom 9. bis 11. August 2013 findet zudem eine Gedächtnisfahrt von Mannheim nach Pforzheim statt, die an die erste Fernfahrt mit dem ersten Automobil der Welt erinnert. Sie wird veranstaltet von der Traditionslandesgruppe im Allgemeinen Schnauferl Club e. V. (ASC) und dem Automuseum Dr. Carl Benz in Ladenburg. Heute wird die Fernfahrt als Zuverlässigkeitsfahrt mit touristisch-historischem Charakter für Veteranen-Fahrzeuge durchgeführt. Auch der Weg zurück nach Mannheim orientiert sich an der Fahrtroute von 1888. Mehr zur Gedächtnisfahrt unter http://bertha-benz-fahrt.de.

 

Die Fahrt nach Pforzheim beweist eindrucksvoll die Tauglichkeit des Patent-Motorwagens. Aber Bertha Benz will damit auch ihrem Mann Carl Mut machen, seine geniale Erfindung mit mehr Selbstbewusstsein in die Öffentlichkeit zu tragen. Carl Benz, der glänzende Techniker, hat den 1885 erfundenen Motorwagen im Januar 1886 zum Patent angemeldet und seither bis zum Typ III weiterentwickelt. Noch steht aber der Beweis dafür aus, dass das Automobil zuverlässig funktioniert und auch große Strecken überwinden kann. Kurzerhand fasst Bertha Benz deshalb den Entschluss, diesen Beweis mit ihrer Überlandfahrt zu erbringen.

 

Ihrem Mann verrät die bereits vierfache Mutter zuvor nichts von dem Plan, mit ihren Söhnen Eugen und Richard zum Verwandtenbesuch nach Pforzheim zu fahren, ihrem Geburtsort. Als die Schulferien beginnen, nimmt der Plan konkrete Form an, und eines Morgens entführen Mutter und Söhne in aller Frühe und ohne Wissen von Carl Benz die neuste Entwicklungsstufe des Patent-Motorwagens aus der Werkstatt.

 

Zunächst schieben sie das dreirädrige Automobil einige Meter weit. Denn den 2,5 PS (1,8 kW) starken Einzylinder-Viertaktmotor wollen sie erst außer Hörweite des Hauses starten, um den noch schlafenden Ehemann und Vater nicht zu wecken. Als Carl Benz später in die Küche kommt, findet er eine Nachricht über die angetretene Reise nach Pforzheim.

 

Die Reise wird wie geplant zur erfolgreichen Erprobungsfahrt für das Automobil: Bertha Benz stellt die grundsätzliche Eignung des Patent-Motorwagens nachdrücklich unter Beweis und kann ihrem Mann zudem wichtige Erkenntnisse und Hinweise für künftige Entwicklungsschritte geben. Beispielsweise regt sie einen zusätzlichen kleinen Gang für Bergfahrten statt der bisher verwendeten Zweigangübersetzung an, außerdem verlangt sie bessere Bremsen.

 

Zugleich leistet Bertha Benz Pionierarbeit, um notwendige Elemente für das Infrastruktursystem rund um den Kraftwagen zu definieren. Künftiger Automobilverkehr wird zum Beispiel Tankstellen brauchen – den notwendigen Treibstoffnachschub in Form des Fleckenmittels Ligroin, ein Leichtbenzin, liefern auf der ersten Fernfahrt noch Apotheken, beispielsweise  in Wiesloch. Somit wurde die Wieslocher Stadt-Apotheke zur ersten Tankstelle der Welt. Aber auch eine neue Beschilderung von Fernstraßen ist notwendig – Bertha Benz musste sich von einem ihr bekannten Ort zum nächsten vorarbeiten.

 

Kleinere Pannen beheben die Autopionierin und ihre Söhne mit Geschick, beispielsweise reinigen sie eine verstopfte Benzinleitung mit ihrer Hutnadel. Größere Arbeiten fallen nicht an, lediglich die Haltbarkeit der hölzernen Klotzbremsen lässt das unternehmungslustige Trio von einem Schuhmacher durch das Aufnageln von Lederflicken als Bremsbeläge verbessern.

 

Carl Benz wird von seinen Familienmitgliedern durch mehrere unterwegs aufgegebene Telegramme über den Ablauf der Reise informiert. Nicht nur für seinen Patent-Motorwagen, sondern für das Automobil überhaupt ist die Fahrt von Mannheim nach Pforzheim und zurück eine entscheidende Bestätigung. Der Benz Patent-Motorwagen wird von 1886 bis 1894 mit verschiedenen Motorisierungen in rund 25 Exemplaren gebaut. Damit ist es das erste in Serie hergestellte und verkaufte Automobil der Welt.

 

Die Erinnerung an die erste Automobil-Fernfahrt der Geschichte wird immer wieder durch herausragende Veranstaltungen lebendig gehalten. So findet 1963, genau 75 Jahre nach der Pionierfahrt, erstmals die „Bertha-Benz-Fahrt“ als Oldtimer-Zuverlässigkeitsfahrt auf der Route von Mannheim nach Pforzheim statt.

 

Der Patent-Motorwagen

 

Carl Benz stellt den Patent-Motorwagen, das erste Automobil der Welt, im Jahr 1886 vor. Bis 1894 entstehen insgesamt 25 Fahrzeuge, deren Motorleistungen zwischen 1,5 und 3 PS liegen (1,1 bis -2,2 kW). Beim Typ I handelt es sich um den ursprünglichen Patent-Motorwagen. Er hat Stahlspeichenräder und weitere konstruktive Details, die auf den hochmodernen Fahrradbau der Zeit verweisen. Der modifizierte Typ II entsteht ursprünglich ebenfalls als Dreirad, wird dann aber versuchsweise auf vier Räder umgebaut. Der Wagen ist inklusive der Achsschenkellenkung, die in ihm erprobt wird, ein weiterer wichtiger Schritt hin zum modernen Automobil. Vermutlich hat es nur ein Exemplar gegeben. Der Typ III schließlich ist das erste Automobil, das in geringen Stückzahlen verkauft und damit zum ersten Serienautomobil der Welt wird. Die Vermarktung seines Patent-Motorwagens fällt Carl Benz zunächst nicht leicht, bis der Franzose Emile Roger aus Paris die alleinige Vertretung für Benz-Fahrzeuge und -Motoren in Frankreich übernimmt.

Technik sichtbar gemacht: Phantom-Zeichnung des Benz Patent-Motorwagens von 1885, die Norbert Schäfer von Technical Art angefertigt hat.

Technik sichtbar gemacht: Phantom-Zeichnung des Benz Patent-Motorwagens von 1886, die Norbert Schäfer von Technical Art angefertigt hat.

Der einzige heute noch erhaltener Patent-Motorwagen Typ III gelangt von Emile Roger nach England, wie eine Plakette am Fahrzeug belegt. Einige Details lassen darauf schließen, dass es sich bei diesem Fahrzeug um den Wagen handeln könnte, den Bertha Benz für ihre Reise nach Pforzheim benutzte. Er ist der älteste im Originalzustand erhaltende Benz Patent-Motorwagen und somit das älteste originale Benz-Automobil. Das Fahrzeug gehört heute dem Science Museum in London. Zur Zeit steht der Wagen im Automuseum Dr. Carl Benz, Ladenburg.

 

Technische Daten: Benz Patent-Motorwagen Typ III

 

Aufbau: Offener Dreiradwagen
Motor: Einzylinder-Viertakter
Hubraum: 1.660 Kubikzentimeter
Leistung: 2,5 PS (1,8 kW) bei 500/min
Vergaser: Benz Oberflächenvergaser
Ventile: Automatisches Einlassventil, gesteuertes Auslassventil
Kühlung: Wasser-/Thermosyphon-Verdampfungskühlung
Schmierung: Tropföler und Fettbüchse
Zündung: Elektrische Hochspannungs-Summer-Zündung
Tank: 4,5 Liter im Vergaser
Anlasser: Drehen des Schwungrads
Kraftübertragung: Lederriemen vom Motor zur Stufenscheibe, Differenzial, zu jedem Hinterrad 1 Kette
Kupplung: keine
Getriebe: Zweistufige Festscheibe, 2 Vorwärtsgänge
Schaltung: Handhebel unter Lenkkurbel zum Verschieben des Riemens zwischen den Scheiben
Rahmen: Stahlrohr
Vorderradaufhängung: Vorderrad in Steuergabel, ohne Federung
Hinterradaufhängung: Starrachse, Volleliptikfedern
Lenkung: Zahnstangenlenkung, Lenkkurbel in Wagenmitte Handbremse: Holzklotzbremse/Hinterreifen
Fußbremse: keine
Schmierung: Fettbüchsen
Maße: 2.700 x 1.400 x 1.450 Millimeter
Radstand: 1.575 Millimeter
Spur: hinten 1.250 Millimeter
Räder: Holzspeichen, Durchmesser vorn 800 Millimeter, hinten 1.125 Millimeter
Reifen: vorn Vollgummi oder Eisen, hinten Eisen
Gewicht: 360 Kilogramm
Höchstgeschwindigkeit: 16 km/h
Verbrauch: rund 10 Liter Ligroin auf 100 Kilometer

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